"Hätte
noch ein Jahr drangehängt"
Er wirft keineswegs einen
Blick zurück im Zorn, und auch das
Wort „Empörung” kommt
nicht über seine Lippen - dennoch
klingt Enttäuschung unterschwellig
mit. „Einige Worte des Dankes zum
Abschied hatte ich bei meinem letzten
Einsatz im Trikot des KSV Hessen doch
erwartet”, zeigt sich Gerd Grau
ziemlich desillusioniert, und es befremdet
ihn, daß auch bei seiner Auswechselung
im Spiel gegen Charlottenburg (58.) keine
Silbe der Anerkennung gesprochen wurde.
Hat man im Verein vergessen,
dem langjährigen Ligaspieler "Lebe
wohl" zu sagen? Dazu Manager Horst
Flöck: „Natürlich wird
der Gerd noch einmal gebührend geehrt,
und zwar voraussichtlich im ersten Heimspiel
der kommenden Saison. Gern hätten
wir unseren Kapitän vor der letzten
Partie gegen Charlottenburg offiziell
verabschiedet. Doch ist Gerd ja nicht
der einzige, der uns verläßt.
Und nun stelle man sich vor, unser Konkurrent
um Platz 3, Duisburg, hätte verloren,
und wir wären über ein Unentschieden
nicht hinausgekommen. Dann könnten
die Fans zu recht sagen: Die vor dem Spiel
Verabschiedeten waren gar nicht mehr mit
ganzem Herzen bei der Sache.”
Während seines
zehnjährigen Engagements bei den
„Löwen” (vier Jahre vor
seiner Berliner Zeit, sechs Jahre danach),
machte Grau kaum Tiefen, aber viele Höhen
mit. „Ein Jährchen hätte
ich auch gern noch drangehängt”,
bringt der 36jährige Allroundman
zum Ausdruck, daß er sich noch immer
fit fühlt für den Profi-Fußball,
sieht gleichzeitig aber auch ein: „Im
Zuge der Verjüngung, so wurde mir
von Vereinsseite beschieden, war halt
kein Platz mehr für mich.”
Obwohl Gerd Grau, der
exakt 486 Spiele für den KSV Hessen
bestritt, vor kurzem mit seinem Geschäftspartner
in der Unteren Königsstraße
eine Diskothek („Jenseits von Eden")
und eine Schenke ("Gerds Biersalon")
eröffnet hat und im Acht-Stunden-Schicht-Rhythmus
arbeitet, denkt er nicht daran, mit dem
Fußballspielen aufzuhören.
Er streift künftig das Trikot eines
in der Nähe von Kassel beheimateten
Landesligisten über, rückt aber
nicht mit dem Namen des Klubs heraus,
„weil noch einige Kleinigkeiten
zu regeln sind.”
Der neue Job als Wirt
und seine weiteren Fußball-Aktivitäten
lassen sich dennoch miteinander verbinden.
„Da unser Lokal sonntags geschlossen
und meine Frau mit im Geschäft tätig
ist, kommt es zu keinen Überschneidungen
von Beruf und Hobby”, macht Grau
klar, daß er seinem neuen Verein
auch im Training voll zur Verfügung
steht.
Den Einstieg in seine
neue Profession hat Grau bereits gemeistert:
„Die Sache macht mir Spaß,
der Laden läuft”, berichtet
Grau, der den Theken-Dienst für die
kommenden Tage allerdings unterbrechen
muß. Denn da begibt sich der Noch-KSVer
mit der Zweitliga-Truppe auf die Saison-Abschlußfahrt.
Sie führt diesmal bis 9. Juni in
Dänemarks Metropole Kopenhagen. Anschließend,
vom 10. Juni bis 10. Juli, gehen alle
KSV-Akteure in Urlaub - bis auf einen:
Gerd Grau.
Günter Grabs (HNA-Sportredaktion,
Juni 1984)